Tai Chi Verein Linz


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Aikido/MeindlII

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Interview (2006)
Georg Meindl (5.Dan.Aikikai) geboren 1957 ist Besitzer des Aikido-Dojos-Steingasse in Linz (ISHIDORI - Dojo).

Wir haben genau am 28.Aug. 2001 unser letztes Budo - Gespräch geführt. Es sind nun fünf Jahre Arbeit, Tai Chi Verein Linz im Dojo, der Aikidoschule vergangen und du hast inzwischen den 5.Dan vom Hombu Dojo verliehen bekommen. Ein Grund mehr unser zweites Budo - Gespräch zu führen. In dem Interview auf den Webseiten der Aikidoschule, Ishidori - Dojo, kann mann gut nachvollziehen, wie viel du erlebt hast, nicht nur im Aikido. Ein Lehrer sagte am Beginn des Aikido zu dir: Du hast sehr viel erlebt, aus dir wird ein guter Aikido-Lehrer. Ich sage nur: Herzliche Gratulation! Er hatte wohl die Gabe eines Hellsehers?

:::Lacht

1.) 5 Jahre sind vergangen. 5ter Dan. Gibt es noch etwas Neues in deiner Entwicklung?

::: Ich habe zwei Bücher geschrieben.

2.) Um was geht es darin?

::: Das erste Buch wird in etwa fünf Wochen veröffentlicht. Es beinhaltet wahre Geschichten aus meinem Leben. Allerdings gut verpackt in ein Fantasy-Märchen. Es geht in Wahrheit um unsere Stadt in der wir leben. Das zweite Buch ist über Aikido.

3.) Ich wollte dich schon immer fragen, was bedeutet eigentlich "Ishidori?" ::: Steingasse.

:::Wörtlich übersetzt eigentlich "Der steinige Weg". Passend für eine Übungsstätte des Aikido. Nicht wahr? (lacht). Man bedenke, die Steingasse hat es schon lange gegeben, bevor ich das Dojo errichtet habe...

4.) Lehren heißt üben?

::: JA. Der Lehrer ist immer auch Schüler. Du bist als Lehrer auf jeden Fall ein fortgeschrittener Schüler. Du bist somit in der Lage, deine Sicht der Lehre zu erweitern. Damit du deinen Zugang, deine Sichtweise an die Schüler weiter geben kannst. Im Prinzip unterscheiden wir uns nicht, denn wir beide, Lehrer und Schüler, müssen hart arbeiten.

5.) Manche vergleichen gerne das Lehren und Üben des Aikido mit einer Bergbesteigung. (Kein vernünftiger Mensch wird auf die Idee kommen, ein unbekanntes Gebirge zu ersteigen, ohne einen Führer zu nehmen)

::: Man kann diesen Vergleich ohne Weiteres nehmen. Mir gefällt die Sache mit den Wapiti - Hirschen in Amerika. Wenn diese, im Gebirge, durch den Schnee stampfen, stehen die Kinder und Muttertiere ganz hinten in der Reihe. Vorne wechseln sich die restlichen Hirsche, je nach Müdigkeit, gegenseitig ab. Das ist die absolute Gleichberechtigung. Es gibt natürlich Abschnitte, wo nur die mit der meisten Erfahrung vorne gehen sollten. Da spielt die Müdigkeit wieder weniger eine Rolle. Es gilt, die Verantwortung für eine ganze Kolonne zu tragen. Das hat schon Vorteile für die Gemeinschaft, nicht wahr?

6.) Es gibt immer wieder Schüler, die fragen, ob man Tai Chi Chuan oder Aikido aus einem Buch oder Video lernen kann?

:::Kann man einen Berg besteigen, wenn man es von einem Video gelernt hat? Kann Lebensweisheit und vor allem Erfahrung so vermittelt werden? Dass wir uns verstehen, unsere Lehre ist keine Religion. Wir Lehrer sind keine Übersetzer der Wahrheit. Wir sind Meister im Sinne eines Handwerker - Berufes. Klar, wir übernehmen für einige Zeit die Verantwortung für den Schüler. Der Schüler soll aber sehr bald anfangen, selbstständig Verantwortung zu übernehmen. Wenn einer seine Gattin betrügt, wem glaubst du, sollte er das beichten? Dem Priester? Oder eher seiner Gattin? Du siehst, was das Risiko ist? Es gibt Ehefrauen, die erteilen einem keine Absolution.

7.) Die höchste Bergkette der Welt heißt Himalaya, was, glaube ich, im Sanskrit bedeutet: "Ort, an dem die Götter weilen".

:::Genau so ist es. Das ist der Weg des Aikido. Wir sind jedoch keine Institution, die einem vorschreibt, wie er zu denken hat. Wir nehmen niemand diese Freiheit.

8..) Das Training findet innerhalb der Dojos statt. Welche Bedeutung hat dieser Ort für das heutige Training?

:::Dojo wird meiner Ansicht nach auch so übersetzt: "Halle der geistigen Reinigung". Es gibt verschiedene Auslegungen der Kanjis. Wenn man zu den Göttern möchte, muss man sich vorher reinigen. Man muss an seinen Defiziten arbeiten. Jeder muss sich mit seinem Ego anlegen. Aikido oder Tai Chi Chuan sind Wege, sich mit seinem Ego anzulegen. Es gibt natürlich sehr viele andere Wege auch. Wir respektieren alle Schulen, die einem die Möglichkeit dazu geben.

9.) Das eigene Ego steht einem schon sehr oft im Weg in der Entwicklung.

:::Immer! Es gab diesen Trick der Samurai. Ich lege für einen begrenzten Zeitraum mein Ego weg. Also, auf Abruf, damit ich für meinen Chef effizienter töten kann. Das widerspricht sich! Ein professioneller Soldat kann nicht absichtslos töten. Das Motiv dahinter ist niemals absichtslos.

10.) Der Doshu selbst hat versichert, dass "es eine Pflicht ist, die Essenz des Aikido korrekt weiterzugeben".

:::Ja. Die Essenz des Aikido ist der Kampf mit dem eigenen Ego. Mein Dojo hat vor kurzem eine neue Beschreibung herausgegeben: Was ist Aikido? Man stelle sich die Kaligrafie einer Technik vor und versuche, sich diese anzueignen. Versuche es mit deinem persönlichen Schriftzug zu schreiben. Das ist danach dein AIKIDO! Nimm dein Ego zurück und du hast die Essenz des AIKIDO ohne es mit eigenen Zugaben eingefärbt zu haben.

11.) Aikido ist in der ganzen Welt vertreten. In Frankreich ist die Entwicklung sehr stark, in Deutschland gibt es viele eigenständige Verbände. Aber das Aikido wird doch von einer Zentrale dem Hombu Dojo in Japan gelenkt. Wie kann das Hombu Dojo garantieren, dass die Essenz des Aikido im einzelnen Dojo unterrichtet wird?

:::Das kann und möchte das Hombu Dojo auch nicht. Eine der Aussagen des Doshu ist: "Sie werden einen Weg finden!" Jeder, der ein Dojo leitet, muss versuchen, sein Ego zu hinterfragen. Dann wird vielleicht reines Aikido, die Essenz unterrichtet. Das ist die Philosophie des Doshu. Ob man es sofort verstanden hat, ist gleichgültig. Hauptsache man übt Aikido, mit der Zeit wird es jeder verstehen.

12.) Du hast vor kurzem den 5ten DAN verliehen bekommen. Du musstest keine Prüfung ablegen. Bei euch ist das also so, dass das alles von der Zentrale beobachtet und gesteuert wird?

::: Vor allem akzeptiert wird! Das mit dem 5-ten DAN ist so etwas wie eine goldene Hochzeit. Da muss man auch keine Prüfung ablegen (lacht.)

13.) Wird deine Arbeit vom Hombu - Dojo kontrolliert?

:::Nein. Wir laden die Shihans aus dem Hombu Dojo ein. Die werden nicht automatisch von selbst zu uns geschickt. Deshalb sage ich, unsere Arbeit wird vom Hombu Dojo akzeptiert!

14.) Der Gründer hat in dieser Disziplin den Waffen (Schwert) einen ganz bestimmten Platz gegeben?

:::Die Waffen sind wichtig, wenn auch nicht mehr so wie früher. Im Hombu Dojo wird in der heutigen Zeit fast ohne Waffen unterrichtet. Es gibt natürlich auch Lehrer, die großen Wert auf Unterricht mit den Waffen legen.

15. ) O Sensei hat einmal gesagt: "Die Waffentechniken erklären sich weder durch Worte noch durch Schrift, sie erhellen sich ohne Rede". Was bedeutet das?

:::In jedem Menschen steckt eine Art Wunder und das ist die "natürliche Meisterschaft". Wenn ein Kleinkind zum ersten Mal aufsteht um zu gehen, hat ihm niemand erklärt, wie man das macht. Es hat beobachtet und gelernt. Mit der Zeit geht diese Fähigkeit verloren, weil wir zuviel denken! Kampfkunst kann man durch diese "natürliche Meisterschaft" lernen. Manche Techniken lassen sich durch komplizierte Gedankengänge ganz einfach nicht erklären! Mann muss sie immer und immer wieder üben. Die Menschen, die zu uns ins Dojo kommen, sind alle sehr gebildet. Doch ich stelle fest, dass sie übermäßige Kopflastigkeit keinen Millimeter weiter bringt auf ihrem Weg.

16.) In Japaner gibt es den Ausdruck "ai-uchi",

:::Das bedeutet, man tötet den anderen, stirbt aber auch selbst.

17.) Was ist die tiefere Bedeutung des gegenseitigen Todes?

:::Für mich ist töten nur dann möglich, wenn ein sehr wichtiger Wert in Gefahr ist (Meine Gattin, mein Kind...) Es geht hier auch nicht primär um das Überleben! Es geht darum, eine Gefahr auszuschalten, auch wenn man selbst dabei stirbt. Ich betone noch einmal die Einstufung des Wertes! Wofür man es tut ist entscheidend! Aikido hilft uns das zu verstehen und Maßnahmen zu tätigen, damit es dazu nicht kommt. Töten sollte eigentlich keine Notwendigkeit sein im Zusammenleben der Menschen.

18.) Du unterrichtest wie wir im Tai Chi Chuan, eine KampfKUNST. Die Kunst ist es, den Körper zu einer Waffe zu machen. Das Schwert sollte jedoch stecken bleiben, nicht gezogen. Das ist Kunst. Es gibt Schulen, die anderes anbieten. Manche Schüler spazieren durch unsere Schulen und benehmen sich wie im Supermarkt. Sie probieren das und dann jenes, gehen wieder zurück und probieren wieder das vom Anfang. Ist es auch heute nicht so, dass viele Aikidoka das Prinzip "Nehmen" sehr stark ausgeprägt haben und das Prinzip "Geben" weitgehend verdrängen?

:::Ja! Der Unterricht in dieser Form ist nicht mehr zeitgemäß. "Warum sollte ich geben, wenn ich in der Position bin, zu nehmen?" höre ich sehr oft von den Anfängern. Einer meiner Hauptgegner in dieser Welt ist die so genannte "Spaßgesellschaft". Man lehnt Verantwortung ab und möchte nur "Spaß" haben. In meinen Büchern ist genau das beschrieben. Du gehst zur Arbeit, obwohl dir diese Arbeit keine Befriedigung gibt, aber der Job ist gut bezahlt. Den Frust, der sich angestaut hat, hebst du nach der Arbeit mit "FUN" auf. Der Markt fördert dieses Verhalten, damit man sein Geld verbraucht. Themen, wie man ein erfülltes Leben lebt, werden nicht unterrichtet, das ist nicht zeitgemäß. Eine KampfKUNST (kein KampfSPORT) sollte mich eigentlich darin unterrichten, wie man ein erfülltes Leben führen kann!

19.) Es gibt aber immer mehr Menschen, die zu dir ins Dojo kommen und unterrichtet werden möchten. Wie finden diese Menschen den Weg ins Dojo? Du machst ja keine aggressive Werbung. Die Schüler kommen zu einem Schnuppertraining. Glaubst du, dass sie sofort verstehen, was du unterrichtest?

::: Tamura Sensei sagte einmal: "Aikido hat man sofort beim ersten Training verstanden oder nie". Es mag damit zu tun haben, dass es Menschen gibt, die eine Entwicklung in Richtung "Menschwerdung" suchen. Wir sind dann einfach da für sie auf dem Weg. Es gibt natürlich auch andere, die es erst nach Jahren verstehen. Die Frage ist immer, wo jemand abgeholt wird, der ins Dojo kommt. Wichtig ist, dass man jemanden abholen möchte!

20.) Es gibt also welche, die konsumieren die Probestunde, danach kommen sie nie wieder. Sie gehen zum nächsten, übernächsten und konsumieren die Probestunde. Sie konsumieren und konsumieren, kommen aber nie an einem Ziel an.
::: Das ist egal. Wir sind keine Heilslehre. Wir missionieren nicht und möchten auch niemanden "bekehren". Wir geben Unterricht, für jene, die etwas Wissen wollen. Doch "wollen" müssen die Schüler schon selbst. Für die anderen, da ist das Schicksal da. (lacht)

21.) Tamura Sensei sagte letztens, dass der Sinn für's Teilen das ist, was ein menschliches Wesen von den anderen Wesen im Universum unterscheidet. Selbst ein außergewöhnlicher Hund, sagte er, teilt seinen Napf nicht mit dem Hund des Nachbarn. Das ist schön gesagt. Lehren wir im Dojo den Menschen diesen Sinn für das Teilen?

:::Teilen ist wichtig. Egoismus ist ganz das Gegenteil. Wir unterrichten, wie man sich mit seinem Ego anlegt.

21.) Man muss also zuerst erkennen, dass man Defizite hat?

:::Gewaltige!

22.) Hilft einem das Dojo dabei oder sollte man das erkennen, bevor man ins Dojo kommt?
:::Unter Umständen beides. Vielleicht muss man einige Zeit in einem Dojo üben, damit man das erkennt. Das Dojo ist eine Gemeinschaft von Freunden. Jeder sagt einem, wenn man auf der Matte "Mist gebaut hat". In meinem Buch ist eine Metapher. Was ist der Unterschied zwischen gutem und wahrem Freund? Der gute Freund hinterlegt die Kaution für dich und holt dich aus dem Gefängnis raus. Der wahre Freund sitzt mit dir im Gefängnis und bestärkt dich, indem Er sagt: "Gemeinsam macht es doch Spaß, nicht wahr!" Für mich ist aber der Erste viel wichtiger. Er holt dich raus, damit du dich bessern kannst.

23.) Wenn Du es erlaubst, kommen wir noch einmal zurück auf O Sensei Ueshiba Morihei. Er sagte oft, Aikido könne ausgeübt werden, ohne direkt sein Gegenüber zu betrachten. Was sagst du zu dieser Dimension?

:::Es ist eine gewaltige Dimension und sie trifft auf O Sensei zu. Du weißt, ich war viel auf Reisen (siehe Interview). Ich war in Guatemala während des Bürgerkrieges usw. In der Hauptstadt von Belize bin ich in der Nacht angekommen und hatte ein Messer bereit, weil man mich gewarnt hatte. Ich ging an den Menschen vorbei und sie haben mich angestarrt. Stell dir vor, es ist Nacht und du siehst nur weiße Augenpaare. Es waren so viele, dass ich mir dachte: Georg du musst das Messer in den Rucksack zurücklegen. Wenn es jetzt jemand will, bist du sowieso tot. Ich tat das und fand problemlos eine Unterkunft. Es ist also deine eigene Einstellung, die das Universum mitgestaltet. Das ist eine Dimension die man nur erahnen kann. Vielleicht hatte ich aber ganz einfach nur Glück!?! (lacht)

24.) Wie beurteilst du Aikidoka, die parallel bei Lehrern unterschiedlicher Stile trainieren?

::: In meinem Dojo unterrichten noch drei andere Lehrer. Jeder von ihnen unterrichtet das Aikido so wie er es verstanden hat. Das ist erwünscht! So wie Doshu sagt: "Sie werden einen Weg finden."

25.) Welchen Stellenwert hat Aikido für dich auf der Matte und im Leben?

:::Das steht in meinem Aikidobuch. Es ist ein Vergleich Alltag-Matte-Alltag. Es gibt keinen Pfad der Erleuchtung. Es gibt nur viel Arbeit.

26.)Wie vollzieht sich deiner Ansicht nach die Entwicklung eines ernsthaft übenden Aikidoka und wohin führt sie?

::: Es ist eine Art "Menschwerdung" ohne Religion.

27.) Welches sind deine schönsten Aikido-Erinnerungen?

:::Die jährlichen Sommerlager meines Verbandes in Bad Leonfelden. Da kommt es zu menschlichen Begegnungen, samt den notwendigen Reibungen. Diese vergisst man nie.

28.) Welches sind deine schlechtesten Aikido-Erinnerungen?

:::Wenn man als Lehrer zuerst seltsam verehrt und dann ans Kreuz genagelt wird. Manchmal wird man zum guten Führer erhoben und kann nichts dagegen tun. Dann fällt man und man kann ebenfalls nichts dagegen tun. Ich versuche das im Vorfeld, so gut ich es kann, zu vermeiden. Es widerspricht meinem Unterricht. Aber manchmal, wenn auch sehr selten, gelingt es nicht.

28.) Welches sind deine weiteren Ziele auf dem Weg des Aiki?

: ::Solange es geht auf der Matte zu stehen und die eigene Menschwerdung zu verwirklichen.

Georg, ich bedanke mich im Namen der Leser, für die Zeit die du uns für dieses Budo-Gespräch zur Verfügung gestellt hast....

:Autorisiertes Interview: 27.September 2006

Rado M.Radanovic
Leitender Taijiquan Lehrer im Tai Chi Verein Linz
www.taichiverein-linz.at

Link: Georg Meindl 5. Dan Aikikai
www.aikikai.at

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