Tai Chi Verein Linz


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Interview Molera

Lernstoff

TAI CHI VEREIN LINZ

Sifu Luis Molera (2006)
(Meisterschüler von Großmeister William C.C.Chen)

Meister Molera, danke, daß Sie mir heute diese Gelegenheit geben, Sie zu interviewen.

::Gerne. Ich bin zum ersten Mal in Österreich und freue mich das ich dich kennen gelernt habe, die Schule, die Leute. Ich danke für deine Einladung. Es war ein guter Workshop.

Wann haben Sie mit Tai Chi Chuan begonnen

:: Als ich 19 Jahre alt war. Also vor etwa 25 Jahren.

Warum

:: Es gab keinen besonderen Grund. Freunde von mir, haben damals Tai Chi gemacht. Ich habe auch verschiedenes ausprobiert. Eines Tages sagte ein Freund zu mir: "Am Montag Abend haben wir Tai Chi Training, du kommst mit!" Ich habe gefragt: "Was ist Tai Chi, glaubst du das mir dass gefallen wird?" Die Antwort war: "Komm einfach mit und finde es selbst heraus!" Als ich dann dort war, sah ich wie sich die Leute bewegt haben, was mich beeindruckt hat. Es hat mir von der ersten Stunde gefallen. Insbesondere die Bewegungen der Hände, es waren diese wellenartigen Bewegungen. Ich war davon wie magisch angezogen. Das Tai Chi Chuan eine Kampfkunst ist, habe ich jedoch viel später erfahren. Zu Beginn habe ich viel mehr die einzelnen Bewegungsabläufe ohne Partner geübt.

Wie ging dann ihre Entwicklung weiter

:: Ich habe zuerst einmal die einzelnen Formen ohne Partner gelernt. Aber ich bin dann an einen Punkt angelangt, wo ich mir dachte: "Ich kenne die einzelnen Bewegungsabläufe ganz gut, was nun? Was gibt es da noch zu lernen. Die Form kenne ich schon, was jetzt" Danach habe ich durch Großmeister William C.C.Chen erfahren, dass es auch Formanwendungen und Push Hands mit dem Partner gibt. Ich muß zugeben, dass mir das sehr geholfen hat, zu erfahren das Tai Chi eine Kampfkunst ist. Da habe ich plötzlich, vielmehr Sinn, in den Bewegungen gesehen.

Haben Sie zuerst die Langform gelernt

:: Nein. Ich habe zuerst Kurzform (24-er Form) gelernt. Danach habe ich eine Langform und danach eine Schwertform gelernt.

Großmeister William C.C.Chen unterrichtet auch Langform

:: Ja, aber nicht mehr so oft. Er gibt in seiner Schule in New York gelegentlich einen Kurs für Interessierte. Das ist ein Intensivkurs und dauert so um die zwei Monate.

Sollte man eine Langform überhaupt lernen, bevor man mit einer Kurzform anfängt

:: Nein, dass ist nicht unbedingt erforderlich.

Es gibt jedoch Menschen die denken das in der Langform, mehr Techniken für die Formanwendungen enthalten sind

::Ja das ist auch richtig so. Es gibt zwar viele Wiederholungen, aber insgesamt hat die Lange Form, mehr Techniken. Die Frage ob man die Langform zuerst lernt und danach eine Kurzform oder umgekehrt, ist nicht entscheidend. Aber ich würde immer empfehlen auch eine Langform zu lernen. Denn in der Langform spiegelt sich der Ursprung des Tai Chi Chuan. Auch hier muß man unterscheiden, betreibt man Tai Chi als Hobby oder betreibt man Tai Chi als Lehrer. Als Lehrer hat man mehr Verantwortung zu tragen. Als muß man auch in der Geschichte, im Ursprung des Tai Chi Chuan forschen.

Wie beginnt man am besten Tai Chi zu lernen

::Für ganz Anfänger würde ich empfehlen, zuerst eine Tai Chi Kurzform zu lernen. Aus einem praktischen Grund, weil das nicht so lange dauert. Die Kurzform ist zwar eine reduzierte Form, aber sie ist sehr geschickt gemacht worden, von einem Experten, der davon sehr viel Ahnung hat! Danach hat man eine Basis. Parallel dazu würde ich aus den Anwendungen die Basics des Pushing Hands lernen.

Was ist Chi

::Chi ist ganz einfach, Energie, Atem, Dampf, Luft... Die Erklärung für Chi wäre ganz einfach, wenn wir in China darüber reden würden. Für Chinesen ist das Chi so selbstverständlich, wie hier in Österreich "Wiener Schnitzel". Ohne Chi gibt es kein Leben, keine Gesundheit, keine Bewegung. Das Problem entstehen, wenn wir beginnen es für uns im Westen zu übersetzen. Dieses Wort wird bei uns sofort mit einer art Aura "Der Mystik" ummantelt. Es gibt dann so geheimnisvolle Bedeutungen, die dem Chi, erst bei uns im Westen, angedichtet wurden. In China ist das eine ganz einfach eine Lebensenergie, das ist so einfach, dass man das dort nicht erklären muß. Bei uns macht man jedoch, damit ein gutes Geschäft. Weil der Absatzmarkt ein guter ist. Manchmal ist es sehr merkwürdig zu beobachten, wie die Leute Workshops analysieren. Einige Leute denken, je öfter sie das Wort "Chi" in einem Workshop hören, dass es ein ausserordendlich guter Workshop war. Aber dann gehen sie nach Hause und üben nicht viel oder gar nichts. Das macht überhaupt keinen Sinn. Man muss eine ausgewogene Mitte finden, zwischen verstandener Theorie und dem praktischen (körperlichen) Training. Es bringt rein gar nichts, wenn wir über Chi nur theoretisches Wissen sammeln, ohne Übung geht gar nichts!

Warum ist Tai Chi Chuan gut für die Gesundheit

:: Tai Chi ist gut für die Gesundheit, weil man dadurch allmählich und von selbst lernt, richtig zu atmen. Der zweite und auch sehr wichtige Grund ist, dass die Gelenke im gesamten Körper geschmeidig werden. Man kann sagen "Die Gelenke werden während der Form, richtig geschmiert."

Die Frage ist, ob wir uns das alles einbilden

::Ich sage, nein. Weil die Chinesen sehr pragmatische Leute sind. Wenn etwas nicht funktioniert, dann verwenden sie es nicht mehr. Tai Chi gibt es seit Jahrhunderten, vielleicht schon auch schon seit Jahrtausenden. Und in China macht man noch immer Tai Chi für die Gesundheit.

Warum ist es wichtig, dass die Gelenke gut geschmiert sind

::Weil die Gelenke die Tore der Energie sind. Die Gelenke sind die beweglichen Teile im Körper und die Energie wird von einer Ebene zur anderen Ebene über die Gelenke übertragen. Wir können einen einzelnen Knochen nicht bewegen. Aber dadurch, dass wir in der Lage sind die Gelenke zu bewegen, können wir diesen unbeweglichen Teil de Körpers mit Energie fluten. Das Chi braucht die Bewegung, dass ist keine statische Energie. Chi ist dynamisch!

Tai Chi ist aber auch eine Kampfkunst

::Ja! Und ich würde es immer von der ersten Stunde an, aus dieser Perspektive unterrichten!

Gibt es ein Tai Chi für die Gesundheit und ein Tai Chi für die Kampfkunst

::Eigentlich ist das alles, dass Gleiche. Wenn man Tai Chi nur aus der Gesundheitsperspektive betrachtet, ist dieser Standpunkt nicht ganz richtig. Weil eine Kampfkunst auch immer für die Gesundheit gut ist. Wenn man sie richtig betreibt! Man kann auch jemanden schlagen und ihm damit wehtun, wenn man gross und kräftig ist. Das ist dann keine Kunst. Das ist nicht, unbedingt ein Ziel, eine KUNST, das kann jeder. Im Tai Chi, gehen wir aber davon aus, das wir uns nicht unbedingt immer alleine auf unsere Muskelkraft verlassen können und trainieren deswegen Flexibilität, Reaktionsvermögen und Intuition. Wir können somit in jeder Situation die entsprechende Technik ohne Fehler einsetzten, so wie das Wasser sich an alle Umstände anpassen kann. So in der Theorie gesagt, klingt es leicht, aber es bedarf einiges an Fleiß und Übung, damit man sagen kann, jetzt kann ich das in der Praxis auch. Das Ziel ist es in Bewegung zu bleiben und dabei Spaß haben, ohne Andere zu verletzen. Das kann nicht jeder, dass muß man üben! Der menschliche Körper braucht die Bewegung. Das fördert die Gesundheit.

Kann man Tai Chi aus einem Buch oder Video lernen, dass ist eine Frage die von den Schülern immer wieder gestellt wird

::Selten. Es gibt von etwa 20 Schülern vielleicht einen, der die Voraussetzungen dafür bringt. Selbst dann würde er es mit so vielen Fehlern lernen, dass er danach erst recht einen Lehrer braucht. Diese Fehler zu verbessern, ist dann noch schwieriger. Braucht man das wirklich?

Meister Koh Ah Tee sagte einmal: "Zuviele Leute üben Taijiquan als wenn sie im Supermarkt einkaufen gehen. Eine Minute sind sie von diesem Sonderangebot angezogen, die nächste von jenem. Sie bleiben nicht stehen, um zu überlegen, was sie wirklich wollen und machen sich dann auf, das zu holen."

::Im Prinzip empfinde ich das auch so. Wir westlichen Bewohner der Erde haben oft die Neigung dazu "Uns unbedingt bedienen zu müssen" , von allem was am Markt ist. Ich kann Yoga machen, ich kann Tai Chi machen, ich kann genauso Aerobik machen. Auch wenn ich mich für Tai Chi entschieden habe, selbst da habe ich eine große Auswahl; Ich kann Yang-Stil machen, ich kann Chen-Stil machen, ich kann Wu-Stil machen...Wenn ich dann einen Stil ausgesucht habe, gibt es wieder Auswahlmöglichkeiten. Es ist also ein riesiges Kaufhaus vorhanden. Ich meine es gibt da aber zwei wichtige Aspekte. Wie so oft im Leben, eine negative und eine positive Seite: Die negative Seite ist, das wenn man sein ganzes Leben lang, alles ausprobiert, immer auf der Suche bleiben wird. Mann bleibt immer an der Oberfläche und kommt nie an ein Ziel. Man kann sich alles im Supermarkt kaufen (vorausgesetzt man hat das Geld dafür) aber nichts garantiert einem, das wir damit glücklich und zufrieden werden. Der positive Aspekt ist, dass wir im Westen diese Möglichkeit der Auswahl überhaupt haben. Die Menschen in Asien, haben diese Möglichkeit nicht. Da gibt es einen Meister in der Umgebung uns sie müssen ihm folgen, ohne wenn und aber. Jedoch muß man dort, seinem Meister treu bleiben. Wenn der Schüler zu einem anderen Meister geht, wird er nie wieder von seinem alten Meister aufgenommen. Das macht das System ein wenig starr. Das nützen einige Meister aus um Macht über seine Schüler zu haben. Ich glaube nicht das es viele Leute hier im Westen gibt, die bereit wären so einem Meister zu folgen. Das kann man vielleicht machen, wenn der Schüler fünfzehn Jahre als ist, aber auf keinen Fall mit einem erwachsenem Menschen. Unsere Schüler brauchen viel mehr eine Lehrer-Schüler Beziehung die etwas mehr offen und frei ist. Meister William C.C.Chen z.B. bindet seine Schüler nicht an sich, jeder ist frei! Du kannst kommen und gehen wann immer du möchtest. Er wird dich aber auch immer mit einem Lächeln im Gesicht, willkommen heissen, wenn du der Meinung bist, das du zu ihm zurück kehren solltest. Wenn du seinen Weg gehst und ihm vom ganzen Herzen folgst, wird er sich sicher sehr freuen. Aber wie gesagt, er zwingt niemanden dazu! Es spricht also nichts dagegen, auch von anderen Lehren zu lernen. Die Suche an sich ist nichts schlechtes, dass Problem ist jedoch wenn wir in einen Konsumrausch verfallen.

Im Aikido beginnt man die Übung mit "one gaishi mas" (Lasse mich heute von dir lernen). Bedeutet das dass auch der Lehrer immer Schüler ist

::Der Lehrer sollte immer auch Schüler sein. Das ist der einzige und sichere Weg auf dem Pfad des eigenen Fortschritts zu bleiben. Es darf auch in der eigenen Entwicklung keinen Stillstand geben, wenn man zu unterrichten beginnt!

Wie also überprüft eine Studierende/ein Studierender sich selbst ob er Fortschritte macht

:: Im Tai Chi hat man das Pushing Hands. Pushing Hands ist so hart wie das Leben selbst. Wir stellen uns dieser Erfahrung oder auch nicht. Da kommt das eigene Ego ins Spiel. Hat man zuviel davon sollte man sehr hart daran arbeiten und lernen es zurück zu halten. Hat man zuwenig davon, sollte man daran arbeiten und es stärken. Es gibt Leute die das ganze Leben nur Form ohne Partner machen möchten und glauben dann nach Jahren das sie einen guten Stand haben. Es kommt dann jemand und pusht sie zu Boden. War das ganze nicht eine Art Selbsttäuschung? Wir müssen auch lernen uns der Realität zu stellen. Wenn mich jemand zu Boden pusht, sage ich in mir: "Oh danke, für diese Erkentniss, ich muß an meinem Ego arbeiten, ich hatte wohl einen nicht so sicheren Stand wie ich dachte" Das eigene Ego kann man dann wieder in der Form bearbeiten. Das gleiche ist wenn jemand immer Sieger sein möchte. Das ist noch schlimmer. Das Ego ist zu groß. Es ist jedoch niemand unbesiegbar. Ich sage, zurück zur Form und arbeite noch härter an deinem Ego! Jeder von uns hat ein Ego! Es ist nicht schlimmes sich behaupten zu wollen bis zu ein gewissen Grad. Jeder möchte Erfolg in seiner Arbeit haben, gute Freunde kennen und insgesamt ein harmonisches Leben führen. Auch hier sehe ich nur da ein Problem wenn das Ego eben zu "egozentrisch" wird und einer nur noch sich und nur seinen Erfolg selbst sieht. Da muß man an sich arbeiten und das Ego abbauen.

Bedeutet das dass Ego ein Hindernis ist im Pushing Hands

::Ja das Ego ist ein sehr großes Hindernis. Mann hat entweder zuwenig oder zuviel davon. Beides ist nicht gut für uns.

Koh Ah Tee sagte auch: "Dein gesamtes Können im Tai Chi kann man in der Form ablesen." Er sagt zugleich: "Wenn du dein Tai Chi nicht zu Pushen verwenden kannst, dann ist es kein Tai Chi."

::Jeder Lehrer entwickelt mit der Zeit seine eigene Philosophie. Das sind so Sätze die man oft zu hören bekommt. Diese sollen die Schüler, zum denken anregen. Erninnern wir uns ganz kurz daran was Meister Cheng Man Ching sagte: "Wenn du Pushing Hands machst, stelle dir vor es gibt keinen Partner, wie in der Form! Wenn du hingegen die Form machst, dann denke dir einen Partner dazu, wie im Pushing Hands!" Mit dem ersten Satz von Koh Ah Tee, würde ich etwas vorsichtig sein. Ich sage das weil ich Turniere gesehen habe, wo jemand seine Form vorführt. Er wird danach von Punktrichtern bewertet. Was passiert wenn die Form Yang-Stil ist, aber von einem Punktrichter der z.B. Chen-Stil macht, bewertet wird? Mann muß sich wirklich gut auskennen mit den sämtlichen Stilen, nur dann kann man es aus einem neutralen Standpunkt, bewerten. Dann ist es okay. Es gibt Prinzipien im Tai Chi die sind universell.

Was also sollen wir in unserem Training betonen, wenn wir Fortschritte machen wollen

:: Was die Tai Chi Form betrifft; Beinarbeit (Fuß, Bein, Hüfte). Arbeit an der Basis des Körpers.

Ist da Partnerarbeit wichtig ::Ja. Sie ist sehr wichtig. Ohne Partnerübungen im Tai Chi, können wir nicht von einer Kampfkunst sprechen. Ausserdem kann man ohne die Partnerübungen, kaum die eigene Fortschritte in der Tai Chi Form messen. Darüber haben wir bereits gesprochen.

Wohin denken Sie geht die Entwicklung dieser Kunst

::Ich denke das sich Tai Chi immer mehr verbreiten wird. Ich sehe das in allen Länder die ich bereise. Es gibt immer Leute die sagen: "TAI CHI, aha, dass wollte ich immer schon machen..." Insgesamt ist Tai Chi auf der ganzen Welt gut verbreitet. Die Frage ist, was sich durchsetzen wird? "Das spirituelle, mystische Tai Chi?", "Das Gesudheits-Tai Chi", oder das traditionelle ursprüngliche Tai Chi als Kampfkunst? Kampfkunst hat so wie ich das bisher beobachten konnte nicht so einen guten Ruf, was völlig unberechtigt ist. Es geht darum Spaß zu haben, sich zu bewegen und Gesund zu bleiben. Viele Lehrer richten sich nach der Nachfrage am Markt. Das ist für mich, dann nicht ganz ehrlich. Ich könnte nicht so leben, wenn ich meiner Linie nicht treu bleiben könnte. Ich möchte das so machen wie Meister William C.C.Chen. Er sagt das Tai Chi kommt aus der Kampfkunst, so habe ich das gelernt, so übe ich das und so möchte es das weiter geben.

Autorisiertes Interview vom 29.10 2006
Rado M.Radanovic
Leitender Taijiquan-Lehrer im Tai Chi Verein Linz

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